Der erste Teil dieser Reihe war zugegebenermaßen ein bisschen irreführend. Zumindest, was den Titel “Meine Geschichte” betrifft. In Teil 2 soll es aber wirklich mal um meine Anfänge als Musiker gehen.
Meine Geburt war sehr anstrengend. Nach neun mehr oder weniger gemütlichen Monaten, ging plötzlich und ohne Vorwarnung der kräftezehrende Kampf los. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, sehe ich gleißendes Licht, kriege einen Klaps auf den Hintern, die ersten Atemzüge, Geschrei, weil: losgeschnitten von Mama und… Na gut, ich überspringe mal ein paar der weniger relevanten Kapitel und müsste eigentlich direkt ins Jahr 2004 übergehen. Das war das Jahr, in dem ich meine erste richtige Band gegründet habe. Die Zeit davor stand eher im Zeichen des musikalischen Experimentierens und kann kaum mit der Branche in Verbindung gebracht werden, über die ich hier im Blog letztendlich schreiben will.
Obwohl, das ist so nicht ganz richtig. Ich hatte zuvor schon in Schulbands gespielt und mich in verschiedenen Projekten am Songwriting versucht. Streng genommen gehört diese experimentelle Phase sehr wohl zum Thema Musikbusiness, da diese Zeit veranschaulicht, wie undurchsichtig diese Branche tatsächlich ist. Es gibt ja nirgendwo eine “Ausbildung” oder gar einen Studiengang, in den man sich einschreiben könnte, um dann bestens auf die Musikindustrie vorbereitet zu sein.
So hüpfte ich mit meinen Bands also schon vor 2004 im Stile unserer großen Vorbilder über die Bühnen der Jugendzentren und wir hielten uns selbstverständlich für die Größten, wenn wir 3-5 Konzerte im Jahr hatten und sich unsere “Fans” (also trinklustige Freunde und die engste Familie) dabei die Kehlen heiser jubelten. Klar, wir waren jetzt nicht unbedingt Superstars. Noch nicht. Aber definitiv die wohl am meisten unterschätzte Band unserer Zeit. Jeden Augenblick musste jemand um die Ecke kommen, der seine Visitenkarte zückt, uns erklärt, er sei von einer großen Plattenfirma und nur zu unserem Gig gekommen, um uns einen Deal zu unterbreiten. Wenn wir denn wollten, könne er die 7-stellige Gage gleich morgen früh überweisen.
Du siehst schon: volle Verblendung. Keinerlei Bodenhaftung. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Karriereaussichten bestenfalls katastrophal. Als ich dann meinen Eltern voller Stolz – und vermutlich auch voller Adrenalin von der letzten Show – verkündete: “Ich will Musiker werden, auf Tour gehen, Songs schreiben. Ich hab da paar Jungs, mit denen ich eine Band starte. Das ist mein Traum, und ich werde ihn leben!” klang das in ihren Ohren vermutlich in etwa so: “Ich möchte mein Leben wegschmeißen und Landstreicher werden. Kann ich mir noch ein letztes Mal Geld leihen, um einen Schlafsack für heute Nacht zu kaufen? Ich hab da ein paar Jungs, die mir einen Platz unter der Brücke frei halten…”
Dramatisch, dramatisch, ich weiß. Aber es war die beste, weil leicht–sinnigste Entscheidung meines Lebens. Das ist ein wirklich interessantes Wort, wenn ich es hier so schwarz auf weiß betrachte. Die Entscheidung fiel mir in der Tat leicht, weil ich Musik liebte und mir keinen schöneren Job auf der Welt vorstellen konnte, als Musik zu machen. (Zwischenzeitlich kam bekanntermaßen noch die Organisation im Hintergrund der Musik hinzu. Meine zweite Leidenschaft, wenn man so will.) Und sinnig erschien es mir, weil mir alles andere irgendwie unsinnig erschien. Wieso sollte ich einen Job machen, der mir weniger Spaß machte, oder vielleicht sogar gar nicht gefiel? Kurz: Warum sollte ich nach einem Beruf suchen, wo ich doch bereits meine Berufung gefunden hatte?
So ziemlich jeder, dem ich diese Frage stellte, gab mir folgende Antwort: Geld. Ein paar meinten vielleicht noch: fehlendes Talent.
Irgendwie schien mich das jedoch überhaupt nicht zu kümmern. Geld? Wie war das gemeint? “Ich kann doch Konzerte spielen, CDs verkaufen, Songs für andere Bands schreiben.” Blauäugigkeit strahlte nur so aus mir heraus: “Wenn ich fleißig genug bin, werde ich doch irgendwie Geld für ein Zimmer und nen halbvollen Kühlschrank zusammenkratzen können. Das reicht mir erstmal.”
Es ging mir ab dem Zeitpunkt, zu dem ich mich entschlossen hatte, von Musik zu leben, erstmal darum, von Musik zu überleben. Notfalls würde ich meinen Job im Supermarkt an der Kasse so lange behalten, bis ich finanziell auf eigenen (musikalischen) Beinen stehen könnte.
Ich merkte jedoch schon in den ersten Wochen, dass sich irgendwas daran nicht richtig anfühlte. Ich wusste intuitiv, dass es, so wie ich es anging, nicht funktionieren konnte. Ich hatte da dieses Sicherheitsnetz, nämlich einen Dayjob, der mir nichts bedeutete, und in dem ich keinerlei Aufstiegschancen hatte. Top! Gleichzeitig hielt mich dieser Nebenjob davon ab, die Musik als einen Beruf anzusehen. Also machte ich es wie Agathokles, der seinen Kriegern befahl, die eigenen Schiffe hinter sich zu verbrennen, bevor sie in die Schlacht zogen. Sieg oder Tod. So fühlte sich der Moment an, in dem ich meine Kündigung im Supermarkt einreichte. Naja, mit weniger Feuer, ohne Schiffe und ohne Schlacht. Sonst aber alles gleich.
Ab diesem Zeitpunkt herrschte in mir volle Konzentration auf die Musik.
Jetzt die Preisfrage: Was glaubst du, wie lange es gedauert hat, bis ich von Musik leben konnte? 2 Jahre? 3 Jahre? Mehr? Überraschung: Es hat ab der ersten Woche funktioniert. Wie? Das erzähle ich in der nächsten Folge.
>> zur Fortsetzung – Teil 3