Die Lupen-Technik

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Mit “Lupen-Technik” ist eine äußerst effektive Art des Probens gemeint. Dabei spielt die Band ihre Songs im Proberaum langsamer, und zwar deutlich langsamer. Ich rate dir dazu, ein Tempo zu wählen, das beinahe lächerlich langsam wirkt; den ersten Versuch kann man mal mit “halber Geschwindigkeit” wagen. Wenn dein Song 120 bpm (Beats per minute) schnell sein soll, stellst du das Metronom auf 60 bpm und schaust einfach mal, was im Bandgefüge so passiert. Bei halber Geschwindigkeit zu proben, ist ähnlich schwer, wie bei doppelter Geschwindigkeit, dafür jedoch deutlich effektiver.

Wieso nenne ich das Ganze die Lupen-Technik? Weil man jetzt seine Aufmerksamkeit so geschärft hat, als stünde man mit einer Lupe vor der Wellenform des Songs. Man sieht jeden Part des Songs mit einem viel präziseren, analytischeren Blick. In der Wellenform (die meisten kennen zumindest die Soundcloud-Abwandlung davon) lässt sich das Timing und die Dynamik visuell sehr einfach darstellen. Stell dir vor, jedes der Instrumente sowie die Stimme des Sängers wäre eine lange Spur, angezeigt in Wellenform; alle Spuren übereinander gelegt ergäben den Song. Angenommen, du könntest den Song nicht anhören und müsstest jetzt lediglich anhand der Wellenform entscheiden, an welcher Stelle die Band zusammenspielt, und an welchen Stellen die Instrumente auseinanderliegen. Wie wäre es wohl einfacher, das Zusammenspiel zu überprüfen: aus der Entfernung, oder mit der Lupe? Aus der Entfernung sieht alles ganz ok aus. Je näher du jedoch mit der Lupe an die Spuren rangingest, desto deutlicher würde der Abstand zwischen den einzelnen Instrumenten. Beispielsweise könntest du so zwischen der Bassdrum des Schlagzeugers und dem Grundton des Bassisten einen zeitlichen Versatz sehen, wo sie doch eigentlich genau “übereinander” liegen sollten. Mit der Lupe siehst du sofort, wer an welcher Stelle zu früh oder zu spät spielt. Der Trick ist also, eine Referenzgröße zu schaffen, indem du ein Metronom/Klick zum Song laufen lässt, um dann die Performance der einzelnen Musiker daran zu messen, wie nah sie am Klick dran sind. So gibt es bei ungenauem Timing auch keinen Interpretationsspielraum mehr darüber, ob du jetzt zu früh oder dein Bandmitglied zu spät ist. Das Metronom hat immer recht.

Hier kommt häufig der Einwand: “Wir sind aber keine Klick-Band. Bei uns muss die Musik in Bewegung bleiben, Tempowechsel sind erlaubt/erwünscht, wir brauchen unsere Freiheit” usw.
Das sehe ich alles ein, aber was spricht dagegen, es dennoch mal in der nächsten Probe zu versuchen. Die Chancen stehen gut, dass du erstaunt sein wirst, wie gut diese Methode (auch bei Klick-Hatern) funktioniert. Wenn sich das Zusammenspiel allgemein verbessert hat, kann man dann immer noch das Metronom rausnehmen. Was bleibt, ist die antrainierte Verbesserung des Zusammenspiels, also die “Tightness”.

Ein Ablaufplan, der sich für die Proben bewährt hat, ist:

  1. Such dir einen, maximal zwei Songs pro Probe raus
  2. Lass einen Klick (hörbar für die ganze Band) laufen. Das ist z.B. ganz einfach mit Aux-Kabel und Handy über die P.A. oder einen Gitarren-Verstärker im Proberaum machbar.
  3. Fang mit “halbem Tempo” an. Wenn der Song 120 bpm hat, dann dementsprechend bei 60 bpm loslegen.
  4. Am Anfang wird sich das ganze sehr holprig anhören und vielleicht anfühlen wie ein schlechter Scherz- Halte durch!
  5. Wenn der Song bei 60 bpm irgendwann flüssig läuft, gehst du in 5-bpm-Schritten nach oben, bis du die 120 bpm erreicht hast. Also angefangen bei 60 bpm, dann 65 bpm, 70 bpm usw…
  6. Erst wenn du in der aktuellen Geschwindigkeit mindestens einen fehlerfreien Durchgang des Songs hinkriegst geht es weiter auf die nächste Stufe.
  7. Lass das Metronom/Klick weg und genieße dann in Originalgeschwindigkeit die verbesserte Performance

Tipp: Wenn du verschiedene Geschwindigkeiten in einem Song verwendest, dann teile den Song auf die einzelnen Tempo-Parts auf und nutze die Lupen-Technik für jeden Teil separat.

Falls du Fragen oder Anregungen hast, melde dich einfach über das Kontaktformular bei mir.

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