Am Anfang meiner Laufbahn als Musiker lag das Gelingen meiner Karriere überwiegend in den Händen anderer Leute. Natürlich trug ich zu meinem Vorankommen bei, indem ich Songs schrieb und mehr oder weniger pünktlich zu meinen Auftritten erschien. Aber dass ich nur die rein künstlerischen Aufgaben erfüllte und sich andere Menschen um mich herum um die organisatorischen Aspekte kümmerten, fühlte sich nicht richtig an. In meiner Wahrnehmung hing mein Vorwärtskommen zu sehr von der Arbeit und dem Wohlwollen anderer ab.
Ich wollte mehr Konzerte spielen, um meine Einnahmen zu erhöhen. Für mich war die Rechnung einfach und logisch:
Konzerte x möglichst häufig = steigende Einnahmen + weniger Probleme
Konzerte x relativ selten = steigende Probleme + fehlende Einnahmen
Außerdem wusste ich definitiv, dass ich auf keinen Fall mehr in einen Dayjob zurück wollte. Dafür war ich bereit, einiges an Mühen auf mich zu nehmen. Doch wie sollte ich, als ein vollkommen Unbekannter der Branche, es schaffen, die “Strippenzieher” dazu zu bewegen, an mich zu glauben und mich zu unterstützen? Als einfachster Weg erschien es mir, die Dinge, bei denen ich bisher auf andere angewiesen war, selbst in die Hand zu nehmen, um so von niemandem mehr abhängig zu sein.
Der Gedanke, meines eigenen Glückes Schmied zu sein, fühlte sich unglaublich befriedigend an. Natürlich wusste ich nicht, wie es gehen sollte, ich war aber zuversichtlich, dass es irgendwie gehen musste.
Normal wäre es gewesen, bereits in der Anfangsphase an meinen Plänen zu zweifeln, die Ziele doch tiefer zu stecken als ursprünglich beabsichtigt oder vielleicht sogar ganz aufzugeben – hinsichtlich der scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen, die mir bevorstanden, wäre das eine durchaus nachvollziehbare Reaktion des menschlichen Verstandes gewesen. Ich verschwendete jedoch keinen Gedanken daran, was alles schief gehen könnte – ich war wirklich überzeugt davon, dass ich alles schon irgendwie schaffen würde. Zum damaligen Zeitpunkt war ich durch meine Freude an der Musik sowie der Begeisterung über mein neues Lebensmodell bestens abgelenkt. Außerdem hatte ich, wie schon erzählt, weder Netz noch doppelten Boden. Einen Plan B gab es nicht, also machte ich mich besser gleich an die Arbeit.
Eines meiner ersten Ziele, das ich unbedingt verwirklicht sehen wollte, war die Veröffentlichung meiner eigenen CD. Dank meines Tontechnik-Studiums kam ich mit dem Aufnehmen, Mixing und Mastering der Songs ganz gut zurecht. Wovon ich allerdings gar keine Ahnung hatte, waren die Prozesse, die im Hintergrund stattfinden mussten, damit es die CD am Ende auch tatsächlich im Laden zu kaufen gibt. Darum kümmert sich doch die Plattenfirma, richtig? Aber was genau waren eigentlich die konkreten Aufgaben einer Plattenfirma? Ich muss zugeben: Ich hatte keinen blassen Schimmer…
Mein Bild einer Plattenfirma
Mein Bild einer Plattenfirma war recht einschüchternd: “Viele hundert Menschen arbeiten am Erfolg der großen Künstler. Wenn man da doch nur irgendwie unterkommen könnte – das wäre was! Wenn man seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hat, hat man es im Grunde bereits geschafft. Man lehnt sich zurück, schaut dem Label beim Arbeiten zu, und genießt seinen stetig wachsenden Erfolg.”
So oder so ähnlich waren meine Gedanken. Heute weiß ich, dass ich ein idealisiertes (und hinderliches, weil extrem unrealistisches) Bild eines Major-Labels im Kopf hatte. Auf den Tourneen mit meiner Band traf ich ständig Leute, die in der Musikbranche arbeiteten, unter anderem auch Label-Besitzer. Wie bitte??? Label-BESITZER??? Das wollte nicht in meinem Kopf. Die Fragen türmten sich in mir auf: “Wie viele hundert Mitarbeiter hast du? Welche berühmten Künstler sind bei dir unter Vertrag? Wie funktioniert das alles bei euch?”
Was ich jedoch als Antwort bekam, war schockierend, ernüchternd und gleichzeitig erleichternd: “Wie meinst du das? Ich habe gar keine Mitarbeiter. Ich bin alleine und bringe Platten von Bands raus, die ich gut finde. Die verpacke ich in meinem Wohnzimmer und verschicke sie dann an die Käufer…”
Eine völlig neue Welt
Und anstatt jetzt diese Leute zu fragen, ob sie nicht Lust hätten, sich auch meine Musik anzuhören, dachte ich nur: “Interessant! Die sind alleine und haben ihr eigenes Label. Ich bin auch alleine! Was hält mich eigentlich davon ab, mein eigenes Label zu gründen? Nichts!”
>> In der nächsten Folge erzähle ich dir, wie alles mit dem Label angefangen hat (Hier geht es zu Teil 5)